Über das Engagement einer Migrant*innen-Selbstorganisation beim Homeschooling aus Sicht von Schüler*innen und Müttern. Das Interview führte Uta Rüchel.

WIMD hat mit drei Müttern und drei Kindern aus Stralsund über das Thema Homeschooling gesprochen. Ihre Perspektiven sind sehr unterschiedlich. Doch was sie eint, sind ihre Zweisprachigkeit und das Engagement in der Migrantinnenorganisation Tutmonde e.V.

Die 16jährige Theresia absolviert seit der 1. Klasse die deutsche und die tschechische Schule parallel. Die gleichaltrige Sahar kam vor drei Jahren mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland. Auch die neunjährige Raghad kam zu dieser Zeit aus Syrien. Sahars Mutter, Rabeaa Almasalmeh, arbeitete in Syrien als Englischlehrerin und ist heute in der Migrantinnenorganisation DaMigra aktiv. Raghads Mutter Laila Ghanem ist Mutter von vier Kindern und gelernte Erzieherin. Anna Petrow (Name von der Red. geändert) kam nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von Russland nach Deutschland und lebt heute mit ihren Kindern in Stralsund.

Theresia: Wir bekommen über eine digitale Plattform Aufgaben zugeschickt, die wir innerhalb einer bestimmten Zeit erledigen müssen. Ich kann mir meinen Tag dadurch selbst einteilen, das finde ich gut. Zur Not kann ich alles auch erst um 23.56 Uhr abschicken. Es ist also eine Frage von Selbstdisziplin und Selbstorganisation. Es gibt Tage, an denen ich nichts mache und es gibt Tage, die ich durcharbeite. Am Ende gebe ich immer alles ab. An unserer Schule wurde Reformpädagogik schon immer groß geschrieben. Wir arbeiten seit langem mit Wochenplänen und haben gelernt, uns unsere Zeit einzuteilen.

Sahar: Für mich war das Lernen zu Hause auch super einfach. Wir hatten nicht so viele Aufgaben, obwohl ich auf einem Gymnasium bin. Man konnte die Aufgaben auch abends machen oder nachts. Wir hatten viel Freizeit. Alles war so ruhig, kein Stress. Auch weil ich meine Mitschüler*innen nicht treffen musste. Wir haben so viele unangenehme Leute in der Klasse.

Raghad: In Syrien war ich im Kindergarten. Hier gehe ich seit drei Jahren zur Schule. Ich vermisse die Schule, die mir viel Spaß macht, vor allem meine Lehrerin. Meine Freund*innen und ich lernen viel bei ihr, mein Lieblingsfach ist Deutsch. Zuhause lerne ich allein in einem Zimmer. Aber manchmal stören meine Geschwister mich. Die haben keine Lust zu lernen.

Was würden Sie als Eltern sagen: Geht es den Kindern gut mit Homeschooling? Lernen sie auf diese Weise genau so viel wie im Unterricht?

Anna Petrow: Ich hatte Glück. Mein mittlerer Sohn war in der Schule oft unterfordert. Darum waren wir beim Homeschooling nicht so streng. Ich hatte selbst Homeoffice und drei Kinder Zuhause, da ging das gar nicht anders. Wir haben am Wochenende alle seine Hausaufgaben der gesamten Woche erledigt. Inzwischen wurden bei ihm aus zwei Klassen drei Gruppen gebildet, so dass er in der Schule jetzt mit vielen Kindern zusammen ist, die er nicht kennt. Auch sein Raum ist neu und die Lehrerin hat gewechselt. Einmal pro Woche muss er inzwischen zur Schule. Die Nacht davor kann er kaum schlafen, weil er so aufgeregt ist. Oft hat er auch Kopfschmerzen. In der Schule kann er sich dadurch vieles nicht merken und ist eigentlich kaum anwesend.

Rabeaa Almasalmeh: Für mich uns war Homeschooling auch leicht, weil meine Kinder schon fast erwachsen sind: 16 und 18 Jahre alt. Sie machen ihre Hausaufgaben allein. Der Vorteil am Lernen zu Hause ist, dass es kein Mobbing gibt und die Kinder keinen Stress haben. Sie haben mehr Zeit und Freiheit. Der Nachteil ist, dass die Lösungen für die Aufgaben oft einfach bei Google gesucht werden, und auch, dass die Freund*innen einander nicht sehen und sich nicht austauschen können.

Laila Ghanem: Drei meiner vier Kinder genießen es sehr, dass sie Zuhause bleiben können. Aus meiner Sicht als Mutter und Erzieherin tut ihnen das aber nicht gut. In der Schule ist alles besser organisiert, allein lernen sie kaum etwas. Ein oder zwei Stunden haben sie direkten Kontakt mit einer Nachhilfe-Lehrerin per Skype, die vom Jobcenter bezahlt wird. Die Lehrerin schickt ihnen nur Arbeitsblätter, die sie ausfüllen sollen. Und ich kann ihnen nicht helfen, für mich ist der Unterricht zu schwer. Die neuen Themen, die behandelt werden, sind zum Teil auch für meine Kinder zu schwer, sie verstehen oftmals schon die Aufgaben nicht. Dadurch werden sie immer fauler.

Anleitung und Feedback ist vor allem für Schüler*innen wichtig, denen das Lernen nicht so leichtfällt. Was bedeutet es, wenn Eltern ihren Kindern an der Stelle nicht helfen können, weil sie in der Sprache, in der ihre Kinder unterrichtet werden, nicht zu Hause sind?

Laila Ghanem: Die Mutter meiner Cousine Wafaa spricht kein Deutsch. Darum hilft Wafaa ihrer zehnjährigen Schwester bei den Hausaufgaben. Aber auch sie versteht manchmal nicht genau, was die Lehrerin will. Nicht nur die Kinder vergessen schnell, was sie gelernt haben, wenn kein regelmäßiger Unterricht mehr stattfindet. Ich selbst habe viele deutsche Wörter vergessen, seit ich wegen Corona nur noch Zuhause bin und keinen Kontakt mehr zu Deutschen habe.

Anna Petrow: Auch in den Gemeinschaftsunterkünften verlieren viele Kinder ihre Sprachkenntnisse, die sie bisher gewonnen haben. Das ist katastrophal, vor allem für Kinder, die nicht so gute Leistungen bringen. Es gibt eine Reihe von Migrant*innen, die schon lange in Deutschland leben und viele unserer Kinder können gut genug Deutsch, um es nicht so schnell wieder zu verlernen. Trotzdem bin ich dagegen, dass wir als Ausländer*innen unseren Kindern Deutsch beibringen. Schon allein, weil manche von uns ihren Akzent nie loswerden und ihn nicht an die Kinder weitergeben wollen.

Vor diesem Hintergrund wäre es wichtig, dass die Schulen so schnell wie möglich wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen. Hofft Ihr das auch?

Theresia: Was mir am meisten fehlt, ist der strukturierte Alltag, aber auch das gesellschaftliche Beisammensein. Es hätte also auf jeden Fall positive Seiten, wieder regelmäßig zur Schule zu gehen. Aber auf den Druck, der dann wieder da ist, freue ich mich gar nicht.

Sahar: Ich würde gerne noch Zuhause bleiben. Ich schaffe alle Aufgaben und habe jetzt auch viel bessere Noten als vorher. Seit ich Zuhause lernen kann, sammle ich Einsen, weil ich mich besser konzentrieren kann und mehr Zeit habe.

Raghad: Das ist bei mir anders: Ich habe Zuhause eher schlechte Noten. In der Schule läuft es besser. Ich vermisse meine Lehrerin und Freundinnen.

Und wie ist Ihre Perspektive als Eltern: Ist mehr digitaler Unterricht eine gute Alternative zur Präsenz in der Schule?

Anna Petrow: Ich finde es sehr traurig, wenn unsere Kinder sagen, dass sie nicht gern zur Schule gehen. Das wirft kein gutes Licht auf unser System. Natürlich ist es bei Mama geborgen und schön, das Essen schmeckt und es gibt keine Probleme mit anderen Kindern. Aber es ist nicht der richtige Weg. Auch bei meinem Sohn gab es jeden Tag etwas in der Schule, was ihm nicht gepasst hat. Aber es ist richtig und wichtig, dass Kinder sich mit der Außenwelt auseinandersetzen. Dass sie nicht immer geschützt sind und machen können, was sie wollen.

Rabeaa Almasalmeh: Ich denke, Grundschüler*innen brauchen Schule und Lehrer*innen, Freund*innen, Spiele, Sport, frische Luft. Und wir dürfen auch nicht vergessen: Wenn die Eltern arbeiten, macht es ihnen Stress, wenn ihre Kinder Zuhause allein sind. Aber für die Älteren ist digitales Lernen eine Möglichkeit, das sehe ich bei meinen Kindern.

Anna Petrow: Was ich schlimm finde, sind all diese perfekten Beispiele aus dem Fernsehen, bei denen Mama und Papa im Homeoffice arbeiten und die Kinder friedlich mit ihren Aufgaben beschäftigt sind. Wo es ein Wohnzimmer mit viel Platz gibt, jeder zusätzlich einen eigenen Bereich und seinen eigenen Laptop hat. Das ist doch bei den wenigsten die Realität. Wenn meine Kinder sehen, dass ich das Handy in die Hand nehme oder mich vor den Laptop setze, gibt es sofort Geschrei, weil sie wissen, dass ich jetzt nicht gestört werden will. Sie haben in dieser Zeit so viel Ferngesehen wie sonst nie. Also für mich ist die Digitalisierung keine Dauerlösung.

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